Die großen Zäsuren der vergangenen zwei Jahrhunderte sind an Warschau deutlich abzulesen. Trügerischer Glanz und soziale Kontraste der legendären Sachsenzeit, die Degradierung der Hauptstadt in den Teilungen Polens, die großen Reformprojekte der polnischen Aufklärer und auch Warschaus Rolle als kaiserlich-russische Residenz prägten die Stadt.
Nicht nur die wechselvolle Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts, auch Bauernbefreiung, Industrialisierung sowie die spannungsvolle Entwicklung des Bürgertums und der größten jüdischen Gemeinde Europas verliehen Warschau, der mittlerweile viertgrößten Stadt des Russischen Imperiums, ihr Profil. 1918 wieder zur Hauptstadt
Polens ausgerufen, zeichneten die Kämpfe um die staatlichen Grenzen, Inflation, künstlerischer Aufbruch und „Goldene Zwanziger”, Wirtschaftskrise und gelenkte, letztlich für entbehrlich erklärte Demokratie in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre das Bild der Stadt an der Weichsel.
Die zweite deutsche Besatzung im 20. Jahrhundert brachte die tiefste und blutigste Zäsur der Warschauer Geschichte. 1945 existierte die Stadt nicht mehr, ihre Bewohner waren gefallen, umgebracht und deportiert, die Warschauer Juden planmäßig ermordet worden. Der Wiederaufbau Warschaus – denkmalpflegerische Spitzenleistung und vielfach umstrittene Legende zugleich – enorme demografische Umbrüche sowie der bisweilen planvolle, bisweilen chaotische Ausbau zur sozialistischen Großstadt schufen die Fundamente des heutigen Warschau.